"Wo für viele das Leben aufhört, fängt es für andere erst an- die Wüste"
Es ist ein eigenwilliges Stückchen Erde. Es ist so wider unserer Zivilisation, wo wir alles bestimmen und in Bahnen lenken können. Die Wüste hat ihre eigenen Regeln und ist dabei nicht immer sanft. Was für viele Menschen abstoßend, bedrohend und tödlich erscheint, so ist es für viele genau das Gegenteil. Das Auge wird von wenigen Details abgelenkt. Das Gehirn und vielen Gedanken haben wieder Zeit sich zu entspannen. Viele Dinge empfinden wir als besonders schön, weil sie nicht in der Masse und Hektik untergehen. Der Spruch "ich kann den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen" wird hier ins Lächerliche gezogen. Vielleicht es das, was viele so reizvoll an der Wüste finden. Sich von allem Unnötigen befreien und das Simple genießen. Wir befahren ein Stück die legendäre Route 66 entlang und finden in Amboy eines der Synonym für die nostalgischen 50er und 60er Jahre. "Roys" Sammelsorium an alten Gebäuden; unter anderm eine Tankstelle und kleine Motelhütten liegen an der staubigen Straße inmitten der Wüste. Ein alter Mann hält hier seit einigen Monaten die Stellung, ist Tankwart, Souvenirverkäufer, Museumsführer und Sheriff in einem. Er zeigt uns stolz die vielen alten Fotos und aktuellen Zeitungsausschnitte, die ein Wiederaufleben versprechen. Auch wenn es noch viele Monate oder Jahre dauern wird, bis das Restaurant und Motel Wiedereröffnung feieren dürfen, bis dahin hält er mit allen Vorbeikommenden ein Pläuschchen und genießt die Ruhe an der einsamen Kreuzung inmitten in der Wüste.
Wir fahren weiter in die nächste Stadt "29 Palms". Hier wird das Erscheinungsbild und der Alltag des Ortes durch den großen Militärstutzpunkt geprägt. Auch das ist eine Seite der Wüste. An jeder Ecke gibt es Friseure, die Militärhaarschnitte anbieten. Die richtige, offizielle Stutzlänge ist Ehrensache. Ebenso wie die vielen Massage-Salons in der Stadt. Die wenigsten schreiben die unverblümte Art der Massage an ihre schmucklosen Fassaden. Aber das ist auch in dieser Stadt mit dem übermächtigen Machogehabe nicht nötig. Stolz fahren die Soldaten in ihren großen Trucks oder ihren schnellen Motorradrennmaschinen durch die Straßen. Vorbei an den heroischen und überdimensionalen Wandbildern, die Soldaten zeigen, die Saddams Statue vom Sockel reißen und verschleierte, weinende Frauen beschützen. Die verwahrlosten Veterane im Fastfoodladen in ihren alten zerschlissenen Tarnklamotten scheint nur der Alkohol zu trösten.
Wir verbringen die Nacht im Joshua Nationalpark. Ein für US-amerikanische Verhältnisse kleiner Nationalpark, der durch seine bizarren "Joshuas" und noch unglaublicheren Felsen beeindruckt. Bei Tageslicht brauchen wir viel Fantasie, um uns die Namensgebung nach dem Propheten vorzustellen. Und dann auch noch von Mormonen im 18. Jahrhundert benannt. Aber als der Vollmond über die glatt geschliffenen Steine blinzelte und die vielen Schatten der Joshuas wirf, da geht uns sprichwörtlich das Licht auf. Die Fahrt geht weiter durch die Mojave Wüste und wir treffen wieder einen anderen Schlag Mensch, den es in die Wüste zieht. Die "snowbirds", die mit ihren rollenden Häusern immer dem Sommer hinterher fahren. Und so verwundert es uns nicht, dass uns mitten in der Wüste eine Campingplatz-Fatamorgana mit 800 Stellplätzen, Supermarkt, Swimmingpool erscheint. Alles verpackt in einer wasserbesprengten, grünen Oase, die hinter uns so schnell verschwindet, wie sie aufgetaucht ist. Nicht nur das Klima zieht die Menschen in die Wüste. Billige Grundstücke, Abgeschiedenheit, Anonymität und ein billigeres Leben läßt die teilweisen schmucklosen Häuser in der rauen Natur attaktiv erscheinen.
Wie schnell die "guten alten Zeiten" vorbei sein können, erleben wir am Salton Lake. So wundersam, wie der See entstanden ist, so schnell sind die Touristenmassen der 50er Jahren und das saubere Wasser auch wieder verschwunden. Übrig geblieben ist ein trostloser See, der einsam und alleine vor sich her stinkt und und uns weiter in den Süden nach Niland drängt.
> mehr