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Kaktus
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

"Paradiesische Schönheit oder doch nur eine austauschbare Urlaubswelt?"

Die mexikanischen Strände gehören laut irgendwelcher schlauen Marketer zu den schönsten der Welt. Ist das die pauschale, grobale Traumwelt, wenn sich der weiße Strand seicht in die Tiefen stürzt, die Farbenpalette zwischen blau, grün und türkis alle Nuancen spielen läßt und der Blick über viele Kilometer durch nichts abgelenkt wird? Nicht zu vergessen, dass der feine, weiße Sand in der Karibik nicht heiß wird. Jede knapp bekleidete Badenixe kann dadurch ihre Hüften in ruhigem Tempo kreisen lassen und jeder Schritt kann bewußt laufstegtauglich gesetzt werden. Kein unkoordiniertes und uncooles Herumgehobse, um den nächstliegenden Schattenplatz für seine geschundenen Füße zu erreichen. Und egal ob es der "Golf von Kalifornien", der "Pazifische Ozean", der "Golf von Mexiko" oder die "Karibik" ist, in den Köpfen der meisten tauchen wie im James Bond-Film Bikinischönheiten aus dem spiegelblanken Meer, schütteln ihr naßes Haar und ziehen, nein, nicht ihre Visakarte aus dem knappen Bikini hervor. Das ist ein anderer Film in der schönen Welt des Marketings.
Das Klima ist perfekt für die Mexikotouristen. Wenn bei uns die Grippe hohe Wellen schlägt, jeder in der Bahn seinen verrotzten Nachbarn strafend und panisch ins bereits nasse Taschentuch schneuzen sieht, die grau trübe Wetterfront auf das gereizte Gemüt schlägt, ja genau dann, ist die Halbinsel Yukatan das auserchorende Traumziel. Die Palmen stehen so kitschig in der Gegend herum, und schlängeln sich teilweise wie eine Schaukel im Sand, so dass neidisch machende Urlaubsfotos einfach zu realisieren sind. Keck wird sich mit angewinkeltem Bein auf die Palme gelegt und verträumt in die Weite geschaut. Das mehr Leute von einer herabfallenden Kokosnuss erschlagen werden, als vom Grizzly gefressen, ist hier wohl das einzig nennenswerte Urlaubsrisiko. Die Hotelstrände mit ihren lästigen Algen werden in den touristischen Hochburgen früh morgens gehakt und die Liegestühle neu ausgerichtet. Diese scheinen im Laufe des Tages Beine zu bekommen, und richten sich immer dem Sonnenstand hinterher laufend neu aus. Der Urlaub ist kurz und der erhoffte Sonnenbrand soll auch gleichmäßig den Körper quälen. Der Blick kann dann schon mal auf die Hotelanlage gerichtet sein, je nach Sonnenstand. Aber nach dem Sonnenbad scheint immer noch genug Zeit zu sein, um sich verträumt das Meer anzuschauen.
Wenn da nicht ein treffender Satz eines Mannes gewesen wäre, dann wären wir vielleicht auf dieses trügerische Paradies herein gefallen. Er sagte: "Die ausländischen Urlauber lieben mexikanisches Essen, mexikanischen Strand, mexikanische Pyramiden, aber sie mögen keine Mexikaner". Sie wollen also das Land streifen, aber nicht wirklich tief eintauchen und am Liebsten keinen Kontakt zu den Menschen außerhalb ihres Hotels. Der obligatorische Reiseführer im Handtaschenformat mit vielen bunten Bilder erleichtert das Gewissen, dass man sich vorher doch wieder nicht mit dem jeweiligen Urlaubsland beschäftigt hat. Ein paar Dokumentationsfilme streiften zu Hause die gestreßten Synapsen und einige Bilder sind schemenhaft hängen geblieben. Wo das genau in Mexiko war, ist ja schließlich uninteressant.
Für das kurze Urlaubsfeeling und das Familienvideo werden abenteuerliche Jeeptouren gebucht (Dschungel-Adventure). Das einzig abenteuerliche ist das Staubschlucken, weil 10 gemietete Jeeps über eine Schotterpiste hintereinander herfahren müssen. Fazit: ein bißchen Dschungel, ein bißchen Kultur, ein bißchen Safari und ganz viel Strand. Wenn sie nicht mehr von diesem fantastischen Land erwarten, dann sollten sie auch nicht mehr von den Mexikanern erwarten. Denn die sind genauso sensibel wie beispielsweise die Spanier, die wissen, ob genau dieser Schlag Menschen dem Land und ihnen gut tut oder auch nicht. Jeder Strand ist in dieser Welt mehr oder weniger austauschbar. Aber die bleibenden Empfindungen, Erlebnisse mit den Einheimischen, die Gerüche der fabenfrohen Gerichte, die kulturellen Schätze, die Geräusche dieses quierligen Mexikos sind unaustauschbar und somit einzigartig. Das Ziel der meisten Urlauber ist es, alles Schöne zu fokussieren und alles Unschöne behaarlich zu ignorieren. Bettelnde Omas ohne staatliche Rente, stinkende Müllberge ohne organisierte Müllabfuhr, Feuerholzsammelnde Menschen auf ihren Fährrädern lenkt unsere Gedanken von diesem Paradies ab, aber können uns um so viel mehr bereichern. Das austauschbare Paradies bekommt das wahre Leben eingehaucht, hinterläßt einen bleibenden Eindruck und das Leben in Deutschland ist plötzlich doch gar nicht mehr so schlecht, wie vor dem Urlaub gedacht und empfunden.

 
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