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Kaktus
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

"Die grüne Hölle holt sich alles wieder"

Während wir sprachlos vor einer Mayaruine stehen, überlegen wir krampfhaft, ob wir diese Hochkultur überhaupt in der Schule besprochen haben. Definitiv nicht, ansonsten wäre bestimmt mehr im Kopf hängen geblieben oder es war wieder einmal so abstrakt und sachlich gelehrt worden, dass es uns nicht im geringsten interessiert hat. So prägnante Begriffe wie Pyramiden, Menschenopfer, Mayakalender und Goldschatz lassen bei uns schon eher ein Licht aufgehen. Und dann stoßen wir auf ein Hochglanzmagazin von National Geographic "Mysteries of the maya" und werden von den Fotos über die Mayakultur gepackt. Je näher wir der Mayakultur (die Gebiete im Osten von Mexiko, Belize, Guatemala, im West Honduras, im Nord El Salvador) kommen, um so anfaßbarer wird diese alte Kultur, die über 3500 Jahre (von 2000 B.C. bis 1502 A.D.) Bestand hatte. Zum Glück sind viele Ausgrabungsstätten uneingeschränkt zu besichtigen. Wir steigen über hunderte von Stufen auf gigantische Pyramiden, sehen Leguane gemächlig über alte Tempelstufen kriechen, überblicken von hoch oben die undurchdringbare Vegetation und hören für unsere Ohren neue Tiergeräusche. Aber wir merken schnell, dass alles im Leben vom richtigen Zeitpunkt und der Atmosphäre abhängt. Wenn der Kellner im Restaurant unfreundlich serviert, das Paar am Nebentisch sich viel zu laut über ihre "wichtigen" Jobs unterhält oder es kalt über die Türschwelle an deinen Rücken zieht, dann kann das Essen auch nichts mehr herausreißen. Die Atmosphäre ist daneben und das Geld für den teuren Restaurantbesuch ins Klo geworfen. So ähnlich läuft es auch bei den Besuchen der Ruinen ab. Unbekannte Ruinen mit wenig Besuchern, wo wir keine hohen Erwartungen hatten, hauen uns schlichtweg vom Hocker. Da schauen uns zum Beispiel in Kabah mannshohe Masken vom Regengott an. Und weil der Regengott Chac so wichtig war, haben sie ihn gleich 260 mal neben-, über- und untereinander abgebildet. Da nicht alle aufgerollten Großnasen des Gottes ihren richtigen Platz an dem Gebäude gefunden haben, liegen einige noch im Gras davor. So hinterläßt jeder Ort nicht nur das Gefühl von mächtig viel behauenen Steinen, Ornamenten und Stuckabbildungen, sondern hat ein für uns prägnantes individuelles Detail. Andere Stätten hinterlassen Erinnerungen wie Zahnfüllungen aus Jade, aussagekräftige Glyphen, ausgeklügelte Kalender und Zeitberechnungen, Holzbretter zur Deformierung von Köpfen, astronomische Berechungen usw., usw., usw.
Leider funktioniert dieses Phänomen auch in die andere Richtung. Die weltberühmenten Ruinen von Chicken Itza waren für uns eine Enttäuschung. Dieses neuerchorende Weltwunder ist vielleicht deshalb gewählt worden, weil die Massen scheinbar immer Recht haben. Masse deshalb, weil Chichen Itza strategisch günstig von Touristen aus aller Welt zu besuchen ist, die Massen eine gute Infrastruktur zur schnellen An- und Abreise haben und weil der karibische Strand nicht weit entfernt ist. Zugegeben, die Bauwerke und die gerühmte Himmelspyramide sind beeindruckend, aber die Atmosphäre ist wie beim Restaurantbesuch beim guten Italiener, jedoch mit unfreundlicher Bedienung.

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