"Die Städte Mexikos haben Gesichter"
Wenn wir von den Städten Mexikos sprechen, dann muß man sich die Städte so unterschiedlich vorstellen, wie die Gesicher der Welt. Grüne oder braune Augen, Stups- oder spitze Nasen, Sommersprossen oder keine, Fließkinn oder abgesaugtes.
In der Baja California überraschen die auf der Landkarte eingezeichneten Städte durch ihre Größe. Häuseransammlungen von 5 Behausungen werden von uns fälschlicherweise als Städte eingestuft. Es ist eben alles relativ. Nach der Übersetzung mit der Fähre auf das "Festland Mexikos" stolpern wir unbeabsichtig von einer Großstadt in die nächste. Die Städte entwickeln sich nicht wie bei uns und wachsen langsam an. Sie scheinen mit der großen Suppenkelle in die Landschaft gekleckst zu sein. Dazwischen in Richtung Hochplateau nur Weite und unbewohnte Gebirgszüge. Eine Zeit, in der wir das Autofahren in Mexiko genießen können, um dann nach kurzem wieder von Millionenstädte wie Culiacan oder San Luis Potosi verschluckt zu werden. Wenn wir Glück haben, werden wir unsanft durch die Städte mit Hilfe von sinnfreien Beschilderungen geleitet, um dann irgendwann ausgespuckt zu werden. Es fühlt sich wirklich wie Ausspucken an, denn von einer Sekunde auf die nächste hört die Stadt wieder auf. Wir fühlen uns wie ein Kaugummi, auf dem ein gelangweilter Amerikaner stundenlang herumgekaut hat. Die in die Stadt führenden Straßen beginnen breit und verjüngen sich wie eine Fischreuse. Autos zappeln wie Fische im Netz unkontrolliert umher. Links und rechts an der Straße parken verbeulte Autos und erinnern uns an einige Ort in Italien oder Spanien. Irgendwann fährt man schließlich rückwärts zurück, bleibt stecken, hupt und hofft, dass irgendjemand sich angesprochen fühlt. Das ist das Schöne an Mexiko, es regelt sich vieles von alleine.
Kleine Orte wie Sombrerete sind Schätze auf unserer Reise. Nicht des Autofahrens wegen, denn das scheint nur an wenigsten Orten des Landes entspannt zu sein. Dieser exemplarische Orte erinnern uns an unsere Kindheit, wo man sich auf der Straße gegrüßt hat. Alte Männer nicken uns unter ihrem Cowboyhut zu und grüßen freundlich. Der Dorfsheriff hält ein Pläuschchen und scheint auch alle persönlich zu kennen. Wir bekommen wie selbstverständlich die gleichen Preise genannt, wie die Mexikaner und zahlen keinen "Touriaufschlag". Die Straßen sind aufwendig gepflastert, die Häuser bunt gestrichen und so kolonial wie eine Vorzeigestadt nur sein kann. Schon von der Hauptstraße aus können wir die vielen Kirchtürme erkennen und lassen den Reichtum dieser kleinen Stadt (Minenstadt) erahnen. Und der Herrgott schaut von diversen Hügeln auf seine Schäfchen hinunter. Komischerweise steht Sombrerete in unserer Landkarte als nicht "sehenswert" und unser deutscher Reiseführer scheint den Ort noch gar nicht entdeckt zu haben.
Bei den Übernachtungen in den Städten sind wir immer wieder vom Geräuschpegel des mexikanischen Lebens überrascht. Kleine Läden stellen ihre großen Lautsprecheranlagen auf die Straße und beschallen die gesamte Nachbarschaft. Dazu kommt ein Geräuschcocktail aus Hahn, Esel, Kirchenglocken, Autos ohne Schalldämpfer, LKW mit Motorbremse und die Werbelieder für "Agua" (Wasser) und "Gas". Mexiko muss ein Serviceland sein, denn viele leben ohne fahrbaren Untersatz. Der Zweitwagen für die Frau, die Kinder und den Golden Retriever gibt es nur für die wohlhabende Schicht. Die Städte leben in ihren Stadtteilen und sind perfekt versorgt und organisiert. In den Häuserzeilen finden wir Autowerkstätten, Tante Emma-Läden, Obst- und Gemüsestände und kleine Küchen, wo man Tacos mit feurigen Salsas essen kann. Nur für ein paar Stunden am frühen Nachmittag ziehen sich alle Bewohner zurück, um dann bis in den späten Abend ihre Läden wieder geöffnet zu halten. Die Männer und Frauen des Ortes treffen sich abends auf der "Plaza", um Gesellschaft zu haben. Kleine Kinder spielen Ball, die Teenager necken sich wie überall auf der Welt und zeigen sich ihre coolen Mobiltelefone.
Und dann gibt es Städte, wie San Miguel de Allende. Das historische Zentrum ist dank der UNESCO auf Hochglanz poliert worden und steht für eine der schönsten Vorzeigekolonialstädte in Mexiko. Leider ist die Stadt mittlerweile zu einer Mogelpackung verkommen. Es steht zwar mexikanisch drauf, aber leider ist amerikanisch-kanadisch drin. Man munkelt, dass nur noch 30% der Einwohner Mexikaner sind. Und so treffen sich die wohlhabenderen Amerikaner und Kanadier, um dann wieder in ihrer Enklave von Landsleuten zu wohnen, mexikanischen Kochkursen beizuwohnen oder kreative Aquarellkurse zu besuchen. Die lässige Lebensweise kann fast anstecken, wenn dort nicht die für Mexiko untypisch hohen Preise und die englischen Beschriftungen wären. San Miguel ist wirklich eine schöne und sichere Stadt, mit viel Polizeipräsenz und geputzten Straßen. Aber diese Stadt ist mittlerweile so typisch mexikanisch, wie die Walt Disney-Prinzessin nicht in der von Scheinwerfern angestrahlten Kathedrale wohnt. Wir Deutschen kennen das Phänomen ja zu gut. Wir verbringen einen Urlaub auf Mallorca, wollen dieses Urlaubsgefühl konservieren und kaufen dort Häuser. Diese stehen meistens über Monate leer, die Immobilienpreise steigen stetig und langsam wird der kleine romantische Ort zu einem Geisterort mit geschlossenen Fensterläden oder Menschen, die nach 20 Jahren Spanienaufenthalt immer noch auf Kindergarten-Niveau spanische Sätze stammeln.
Aber was reden wir von mexikanischen Städten, wenn wir die Stadt der Städte noch nicht besucht haben. Mexiko City steht als letzter Ort in Mexiko auf unser Reiseroute. Dort erwarten uns geballte 30 Millionen Gesichter in einer einzigen Stadt.
> mehr