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Kaktus
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

"Die bunten Indianer im Schatten des Kupfercanyons"

Es soll sie eigentlich keiner sehen und sie agieren im Hintergrund; still, freundlich, distanziert, aber aufgrund ihrer tradioniellen Kleidung auffallend wie ein Pfau. Sie sehen gepflegt, würdevoll und mit ihren großen dunklen Augen und ihrem glänzend schwarzen Haar für unser Empfinden schön aus. Ihre braune Haut wirkt in der bunten Umrahmung ihrer Kleidung wie nach einem perfekten Sommerurlaub am Strand.
Die Tarahumara-Indianer- oder wie sie sich nennen Raramuri- haben ihr verfolgtes Dasein in der Geschichte verinnerlicht. Sie sind ein altes Volk mit vielen Geheimnissen und Mythen. Einige sagen, es gibt sie seit 10.000 Jahren. Andere sagen, es gibt sie ewig. Sie strahlen einander an, und lassen dabei die Touristen verstohlen ihre Handwerkskunst ansehen. Sie fordern nicht, biedern sich nicht an und reden auch nicht mit den Touristen. Untereinander reden sie in ihrer eigenen Sprache viel, aber erst wenn kein fremdes Ohr mithört.
Von den Spaniern nach der Entdeckung vor 500 Jahren getötet und von den Großgrundbesitzern von den fruchtbaren Hochebenen in die trostlosen Canyons vertrieben, haben 40.000 bis 60.000 ihre Heimat im Bereich des Kupfercanyons gefunden. Ein Canyonsystem, welches vor Millionen Jahren aus Lava- und Aschemassen, durch Erdbeben gefaltet und durch Wasser bis zu 2 Kilometer tiefe Schluchten bilden ließ. Ihren altindianischen Glauben haben sie schließlich nach 300 Jahren erfolgloser Rebellion gegen die katholische Kirche und der Missionierung angepasst. Traditionell leben sie in ihren Hütten inmitten der Canyons, haben Maispflanzen zwischen dem Vulkangestein gepflanzt, ihre Kinder hüten einige wenige Ziegen, Rinder oder Schafe und vor jeder Hütte hängt auf einer langen Wäscheleine ihre bunte Kleidung. Die Kinder laufen bei unserer Ankunft nicht neugierig auf uns zu, sondern verstecken sich im Hindergrund und beobachten uns wie nach einer Mondlandung. Wie Eindringlinge kommen wir uns vor und verlassen schnell wieder auf den schmalen und steilen Trampelpfaden ihr Zuhause. Wir beobachten aus der Ferne ihre Hütten, Feuerstellen unter Felsvorsprüngen oder Höhlenwohnungen. Je weiter wir uns von der Zivilsation entfernen und um so beschwerlicher die Pfade sind, umso traditioneller und intakter sieht ihr Leben aus.
Die behelfsmäßigen Hütten in der Nähe der Hotels und Bahnstationen, an denen die Frauen ihre Handwerkskunst zu verkaufen versuchen, sehen vermüllt und trist aus. Bei einigen Familien scheinen sich die festen Bindungen zur Gemeinschaft zu lösen oder der Lebensumstand in der Zivilisation fordert ihren Preis. Die Kinder werden dreckig auf die Touristen zum Erbetteln von Dollar geschickt. Die gelernte Zurückhaltung und das "Unsichtbarsein" scheint in der westlichen Kleidung zu verschwinden. Coca Cola in der Plastikflasche und Tacos aus der Tüte scheinen ihre tägliche Nahrung zu sein. Und dann gibt es natürlich auch noch die Tarahumara-Indianer, die wie viele mexikanischen Dorfbewohner in normalen Häusern mit Strom und Wasser leben. Dort wohnen wir, in einer Holzhütte mit Ofen und leckerem Essen von unserer indianischen Gastoma gekocht.
Die meinungsbildende Zeitung "die Zeit" hat vor kurzem einen Artikel über diese zauberhafte Bahnreise in den Kupfercanyon (Zitat einer Deutschen) abgedruckt und die deutschen "Individualreisenden" verschlägt es dorthin. Sie zahlen den dreifachen Preis für den romantisch klingenden Zug "Chepe" in der 1. Klasse anstatt des normalen Zugs und halten sich traurigerweise doch nur "individual" in ihren bekannten Komfortzonen auf. Die meist ausländischen Touristen sehen von ihrem 300 Dollar Hotel einen kleinen Ausschnitt des Canyonpanoramas. Auf der Hotelterasse gibt es zur Begrüßung Margarita im Plastikbecher, eine Mariachi-Musikkombo spielt in übergroßen Sombreros Ihre Lieder und beim Verlassen des Hotels am nächsten Morgen werden noch schnell einige Souvenirs bei den Tarahumara-Indianer gekauft. Der Weg in den Kupfercanyon ist zu beschwerlich als das man sich dorthin auf dem Weg macht, um sich die Indianer live und in Farbe anzuschauen. Und das ist wohl auch der Grund, warum diese Kultur überhaupt noch so einzigartig existiert.

 
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