"Nachbar's Garten ist nicht immer grüner"
Wir sind immer viel in der Weltgeschichte herum gereist. Als nach der Schule und dem Studium unsere jugendliche Unbeschwertheit, Naivität und Mutigkeit noch grenzenloser ausgeprägt war, konnten wir uns vorstellen, an fast allen Orten der Welt zu leben, zu arbeiten und neue Wurzeln zu schlagen. Die Welt konnte gar nicht groß genug sein. Deshalb war die Angst der Eltern nicht ganz unbegründet, dass die Tocher oder der Sohn irgendwann mal im Ausland hängen bleiben würde. Aber es kam ganz anders und die zarten Wurzeln wurden im hohen Norden geschlagen, in Hamburg. Wenn wir auf dieser Reise gefragt werden, woher wir kommen, dann antworten wir, die wir doch ein Pärchenbrei aus Rheinland und Schleswig-Holstein sind, wie selbstverständlich "aus Hamburg". Erst im zweiten Schritt erläutern wir unsere unuberhörbaren Dialekte. Besonders der leichte Zischellaut bei der rheinländischen Aussprache von "frischer Fisch auf dem Tisch" oder "tschechische Hierarchie" ist kein Sprachfehler, sondern ein Dialekt.
Was bedeutet eigentlich Heimat? Und wir kommen der Erklärung ein bisschen näher, wenn wir auf unserer Reise Besuch aus der Heimat bekommen. Unsere Freunde und die Familie reist uns hinterher, nicht nur um ihren Jahresurlaub im Ausland zu verbringen, sondern um uns zu treffen. Wir sind- altmodisch beschrieben- Vertraute, die einander anschauen und uns ohne viele Worte verstehen. Die Gespräche über die kleinen Alltagsgeschichten laufen vor unseren Augen ab, weil wir alles kennen: der Keller im neu gebauten Haus, der als einziger in der Neubausiedlung im Sturm nicht voll Wasser gelaufen ist. Die neu renovierten Zimmer im obersten Stock mit Blick auf den Schlitzer Turm. Die Hochzeiten, Scheidungen und Neuverliebtheiten im Freundeskreis. Es sind nicht nur anonyme Geschichten, sondern es stehen Gesichter und Bilder dahinter und die sind uns vertraut.
Auf der Reise spüren wir schnell, ob die neue Bekanntschaft für lange Zeit im Kopf bleibt oder in der ewigen Versenkung des Kurzzeitgedächnis verschwindet. Die Offenheit, sich auf neue Menschen einzulassen, verkümmert häufig im Alltag. Die Worte sind im Büro am Telefon oder im täglichen Gequatsche längst verbraucht und so bleibt für neue Bekanntschaften wenig übrig. Hier auf der Reise genießen wir kurze Small-Talks mit der Kassiererin, die auch Verwandte in Deutschland hat und uns lächelnd mit einem "Auf Wiedersehen" verabschiedet; Gespräche mit dem Obdachlosen, der vor dem Campingplatz schläft, im Vietnamkrieg seine Freude am Leben verloren und seinen Verbündeten Jack Daniels fürs Leben gefunden hat; lange Abende am Lagerfeuer, wo wir mit unseren neuen Seelenverwandten bier- oder weinschwer über Gott und die Welt philosophieren und viele neue Dinge erfahren. Diese Momente genießen wir, weil sie uns an Zuhause und an unsere "Jugendherberge" in Hamburg erinnern. Wo fast immer jemand zu Besuch oder der Wohnungsschlüssel für Freunde unter der Fußmatte für Übernachtungen versteckt war. Die vielen Abende kommen wieder in unser Gedächnis und die Frage, warum haben wir eigentlich nicht jeden Tag im Sommer zusammen gegrillt, Lagerfeuer an der Elbe gemacht oder Würstchen am Stock gegrillt? Und statt dessen wieder mal nach der Arbeit vorm Fernseher genervt von einem Sender zum nächsten gezappt, weil wieder nur geistiger Schrott in der Flimmerkiste lief? Warum müssen wir unser Zuhause erst verlassen, um zu verstehen?
Fern von der Heimat werden viele Selbstverständlichkeiten bewusst, die unseren Kulturkreis und damit auch unsere Heimat ausmachen. Wir waschen uns selbstverständlich nachdem wir "eine Stange Wasser in die Ecke gestellt haben" die Hand mit Seife. Das Essen mit Messer und Gabel sieht nicht wie das Abschlachten eines Steaks aus, wo nach dem Zerlegen das überflüssige Messer zur Seite gelegt und dafür der Zeigefinder als Baggerhilfer zum Einsatz kommt. Unser Bewußtsein für Recycling wurde bereits von unseren Omis geprägt und das Wegwerfen von Bonbonpapier in die Botanik wurde mit harten Erziehungsmaßnahmen getadelt. Wir sind glücklich in Deutschland aufgewachsen zu sein und empfinden ein großes Privileg für die Errungenschaften, die wir uns nicht hart erarbeiten mussten, sondern die uns buchstäblich in die Wiege gelegt worden sind. Unseren roten Reisepaß, der Millionen Europäer friedliche miteinander verbindet, empfinden wir immer mehr als großes Privileg. Und ein duftendes Mandelhörnchen mit viel Schokolade an den Enden (Birte) oder der Geruch von frischem Kartoffelreibekuchen (Ingo) verbreitet auf unseren Gesichtern ein Lächeln und Erinnerungen an Zuhause. Manchmal kann ein Stück Heimat auch ganz simpel sein. Wo wir in Zukunft leben werden, wissen wir jetzt noch nicht. Aber wir haben nicht das Gefühl nach einer neuen Heimat suchen zu müssen. Nachbar's Garten ist eben nicht immer grüner.