"Papa, wenn ich groß bin, dann will ich auch Spießer werden"
Der malerische Ort Tofino an der Pazifiküste von Vancouver Island ist exemplarisch für das Leben: der Reiseführer schlägt diesen Ort als "must do" vor und die buntbedruckten Urlaubscamper mit deutschen Urlaubern folgen und wir natürlich auch. Dabei entpuppen sich Touristen als Herdentiere und folgen blind. Der Autor des Reiseführers scheint dabei als alter Bekannter alle Bedürfnisse des Herdentieres zu kennen. Warum sollte man auch aus der sicheren Herde ausbrechen und neue Orte entdecken? Die kennt womöglich keiner Zuhause. Die Reiseführer beschreiben also gerne Orte, die dem deutschen Schönheitsideal entsprechen und das kritische Gewissen so wenig wir möglich belastet. Der Mensch ist eben doch nur ein sensibles Pflänzchen.
Das Reisen soll zwar auch ein wenig bilden, aber nur nicht zu tiefgründig. Und so passt der Ort Tofino genau in das Urlaubsmuster des durchschnittlichen Mitteleuropäers:
Tofino! Das klingt nach Meeresrauschen, kleinen hutzeligen Holzhäusern im mediteranen Flair, ausgestiegenen Alt-Hippies, coolen Surfern mit Waschbrettbauch und nach Abgeschiedenheit am Rand des "Pacific Rim National Parks". Was nicht im Reiseführer steht ist, dass die Alt-Hippies mittlerweile lichtes Haar bekommen haben und ergraut sind. Ein Verhalten wie ihre Eltern, die sie immer abschätzend beäugt haben, an den Tag legen und aus diesem Grunde auch an diesen malerischen Ort am westlichen Ende der Insel ausgewandert sind. Die Flucht aus dem spießigen Alltag und die Flucht in die grenzenlose Freiheit Kanadas. Die Idee hatten und haben immer noch viele Deutsche und so entpuppt sich das kanadische Örtchen als deutsche Kommune. Hier fühlen sich natürlich die urlaubmachenden Deutschen wohl. In Tofino werden in Urlaubsatmosphäre deutsche Tugenden wie Geschäftstüchtigkeit, Geselligkeit und Gemütlichkeit gepflegt. Die Kaffeebuden haben kleine dekorative Decken auf den Tischen, der Kräutergarten wächst romantisch auf der Terrasse und das europäische Flair überschattet die koloniale Plüschigkeit der Nordamerikaner. Zuhause nehmen sich die deutschen Urlauber schon nicht die Zeit in gemütlichen Cafes ihre Samstagnachmittage zu verbringen oder nach Feierabend in der Woche neue Kneipen zu entdecken. Deshalb muss das nun im Urlaub in komprimierter Form nachgeholt werden und damit man nicht lange suchen muss, wird auf das deutsche Aussteigergespür vertraut. Zeit ist Geld und davon hat jeder bekanntlich zu wenig.
Wir schmunzeln also, als wir von einer englischsprechenden Aussteigerdeutschen belehrt werden, dass es in ihrem Cafe keinen primitiv aufgebrühten Kaffee zu trinken gibt. Bei ihr kommt nur ein "Americano" durch den Kaffeefilter. Leider versteckt sich hinter dem wohl klingenden Namen "Americano" ein mit viel Wasser aufgefüllter Plörrenespresso. Unsere Leitung ist nach so viel Schlaukackerei zu lang und so wird unser Zögern bei der Bestellung mit dem Satz- natürlich auf englisch- quittiert:"Wenn man in Nordamerika reist, dann sollte man diesen Begriff aber kennen." Sprachlos starren wir sie an und die Erinnerungen an 25.000 Kilometer unserer Reise durch Kanada und Alaska verleihen uns ein breites, entspanntes Grinsen. Wir haben zwar keine verfilzten Rasterlocken auf dem Kopf, keine Birkenstocksandalen an den Füssen und spielen nicht jointrauchend Bongos am Strand, aber an keinem Ort haben wir uns mehr denn je wie wirkliche Hippies und richtige Aussteiger gefühlt. Tofino ist also immer eine Reise wert!