"Das Glücksgefühl hielt nur kurz an"
denn schon nach einer Stunde Abstieg kam uns der Weg unerwartet schwierig und gefährlich vor. Die körperliche Anstrengung, die nun in den nächsten 10,5 Stunden auf uns zukam, ließ die Besteigung des Cotopaxi im Nachhinein fast wie einen Sonntagsspaziergang erscheinen. Unsere Bergführer hatten sich mit uns verlaufen, im Nebel ohne Markierungen, im Schnee, der uns bei jedem Schritt bis zum Knie oder Hüfte einsinken ließ. Unsere imaginäre Nabelschnur zu den Bergführern kam uns zeitweise wie die Verlängerung eines Galgenstricks vor. Mit jeder unüberlegten Bewegung der Bergführer in Richtung Gletscher-spalten verschwand unser Vertrauen.
Unsere Frage, ob der Weg über die Gletscherspalten, das Durchwarten von Schwimmschnee und das Einsacken bis zur Hüfte geplant seien, wurde von unseren Bergführern selbstsicher bestätigt. Obwohl der unsichere, fast panische Blick in alle Richtungen etwas anderes verriet. Das Gesprochene war dann das Konträre zum Gedachten: Dieser Weg würde besser werden und nur 3 Stunden dauern. "We know exactly where we are" (wir wissen genau, wo wir sind), wurde in den nächsten Stunden zu unserem Dauerwitz zwischen Ingo, Ramun und mir. Und die Bemerkung der Bergführer, wir müssten kurz warten, bis sich der Nebel gelegt hat, um zu sehen wo wir sind, hinterließ nur ein Kopfschütteln bei uns. Der innerliche Lachanfall schüttelte uns schließlich, als die Bergführer sich im Nebel auf einen Felsen stellten, die Hände an die Stirn legten und Ausschau hielten, um zu sehen, dass nichts zu sehen war. Weißer Adler auf weißem Grund!
Bei Ingo nahm der psychische Druck durch sein Wissen um die Gefahr und das Gewicht der Skiausrüstung so extrem zu, dass sein Körper unter der schweren Last zu versinken drohte. Meine Unkenntnis der Lawinenlage und der Spaltentiefe verlieh mir zum Glück eine Art von Naivität, die mir in dieser Lage sehr half (wie sagt der Ami so schön "Ignorance is bliss"). Immer wieder wurden Gewichte neu auf alle verteilt, Mut zugesprochen und energiebringende Schokoriegel eingeschoben. Obwohl wir im nachhinein vielmehr das Gefühl hatten, dass sich der Körper zum hundersten Mal alles Verwertbare aus dem Verdauungstrakt hervor gekramt und verdaut hatte, mit der Hoffnung auf ein bisschen Energie. Mittlerweile stand die Sonne so hoch, dass auch das unsinnige Antreiben des verantwortlichen Bergführers die Ausweglosigkeit nicht überdecken konnte. Nach dem Motto, wenn wir schon zusammen in eine Gletscherspalte fallen, dann doch bitte schnell, oder wie?
Irgendwann stolperten wir aus dem Schnee des Cotopaxi heraus und fanden uns in einer der vielen Endmoränen des Gletschers wieder, die scheinbar noch nie eine Menschenseele gesehen hatten. Empfanden wir die Gletscher als lebensgefährlich, so entpuppten sich die Geröllhänge "nur noch" als potenzielle Unfallquellen. Kopfgroße Steine lösten sich beim bloßen Anschauen und schossen in die Tiefe. Es folgten unüberwindbare Schluchten, steile Hänge und wieder tiefe Schluchten. Eigentlich wunderschöne Formationen in tollen Farben, die wir aber in dem Moment schlichtweg ignorierten. Jeder Schritt hätte mit Konzentration geschehen müssen, aber die war in den letzten 15 Stunden irgendwo zwischen Gipfel und Tal auf der Strecke geblieben. Zeitweise saßen wir in zerrissenen Skihosen mit blauen Flecken ohne Bergführer im Geröll, übersäht mit Schlamm, Rotz und Tränen. Aber wer sollte uns helfen, als wir uns selbst? Bergrettung in den Anden auf 5000 m Höhe ist wohl so wahrscheinlich, wie ein Weihnachtsgeschenk im Juli, das Auffinden eines verschollenen Onkels ohne Erben oder das Scheißen von Golddukaten nach dem Verzehr von Schokoladentaler.
Die letzten Kilometer durfte Ingo erschöpft auf dem Rücken eines Pferdes zurücklegen. Allein ritt er davon, im Glauben, dass sein Pferd den Weg ins Bergsteiger-Hostal kennen würde. Den Weg schlug das Pferd aber erst im gestreckten Galopp ein, als ein Wildesel versuchte, dem Pferd in die Flanke zu beißen. Die beiden Tiere hatten wohl noch eine offene Rechnung ausstehen, wovon Ingo vorher nichts ahnen konnte. Das Ingos erste Mal auf dem Rücken eines Pferdes so enden würde und nur mit einem Abwurf, überraschte keinen mehr an diesem Tag. Kurz vor Sonnenuntergang erreichten wir zu fuß oder per Pferd nach 17 Stunden das Bergsteiger-Hostal.
Das schlechte Gewissen unseres verantwortlichen Bergführers war über die gesamte Zeit so groß, dass er uns nicht mehr in die Augen schauen konnte, geschweige denn mit uns redete. Fehler sind menschlich, aber dass unser Bergführer diese gefährliche Tour nachträglich anderen Touristen als großes Abenteuer verkaufte, spricht nicht für seine Intelligenz und Kompetenz. Die Gruppe in den Bergen über Stunden alleine im Nebel zu lassen, ohne Kompass oder Karte als Bergführer zu starten und darauf zu hoffen, dass die körperliche Fitness der Teilnehmer für ein stundenlanges Verirren reicht, ist wohl blindes Gottvertrauen. Und das mit uns Atheisten. Vielleicht überwiegen irgendwann in unseren Köpfen die Bilder des wunderschönen Cotopaxi und nicht die Bilder von den gefährlichen Gletscher- und Geröllfeldern. Hoffentlich irgendwann. Obwohl, der Satz "we know exactly where we are" bringt uns auch jetzt schon wieder zum Lachen.