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Kaktus
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

"Die erste Woche in der Baja California und die ersten Empfindungen inbezug auf ein unbekanntes Land- Mexiko"

Wir hatten viele Horrorgeschichten über Mexiko, das Grenzgebiet, die korrupten Polizisten, die Drogenbanden usw. gehört. Je dichter die Grenze rückte, um so haarsträubender die Geschichten. Und natürlich hatten die Erzählenden schon lange keinen Fuß mehr nach Mexiko gesetzt, wenn sie ihn überhaupt schon jemals gemacht hatten. Wie lautet der Spruch: "Ist der Ruf erst ruiniert, dann lebt es sich ganz ungeniert." Auch wenn nur ein Bruchteil der Geschichten stimmt, bleibt immer ein bitterer Beigeschmack; wie ein Kaugummi, was an der Schuhsohle kleben bleibt. So fuhren wir also aufgeregt in Richtung Grenze und waren streberhaft vorbereitet. Die Autoversicherung kauften wir vorher an der Tankstelle, die Dokumente waren kopiert und lagen in doppelter Ausfertigung bereit. Wir fuhren schließlich über die mexikanische Grenze in Tecate und keine Sau interessierte es. Dokumentenbewaffnet steuerten wir auf die Immigration zu und mussten erfahren, dass das Büro für die Autoeinfuhr (Zoll) geschlossen worden ist. Also, alles wieder zurück und dem US-amerikanischen Grenzbeamten erklären, dass wir genau 45 Minuten in Mexiko waren. Denn so lange dauerte unser Weg in der Warteschlange wieder zurück. Und das auch noch ohne Drogen oder Waffen zu kaufen.
Und weil Mexiko und die Grenze sich gar nicht so böse anfühlten, haben wir unsere Neugier befriedigt und sind die Straße direkt an der Grenze in Richtung Osten nach Mexikali zum nächsten Grenzübergang gefahren. Wir mussten schlucken, als wir das gigantische Bauwerk zwischen dem Schwellenland Mexiko und dem Industrieland USA gesehen haben. Keine Mauer, wie sie zwischen der DDR und der BRD gebaut wurde, durch die man nicht sehen konnte. Die Mauer hier sieht wie eine aufrechtstehende Jalousie aus, die aus schwerem Stahl in Beton gegossen wurden ist. Wie eine Narbe zieht sie sich durch die schöne Landschaft. Hubschrauber, Geländewagen und Quads patrollieren und beschützen den Wohlstand auf der einen Seite.
Schließlich überfahren wir die mexikanische Grenze und bekommen alle notwendigen Papiere ausgehändigt. Mexiko schnürrt uns als erstes ein. Keine großzügigen Parkplätze oder Straßen mehr, sondern alles ist in diesen Grenzstädten eng und auf Körper-bzw. Blechkontakt ausgerichtet. Wir stolpern von einer Sekunde auf die nächste in Zustände eines Entwicklungslandes, wo die Straßen nicht mehr asphaltiert sind, Wellblechhütten ohne Infrastruktur im Staub stehen, Leute im Straßenverkauf ihre getragenen Kleidungsstücke versuchen zu verkaufen. Und weil wir die künstliche US-amerikanische Welt in Minuten hinter uns gelassen haben, gibt es hier auch keine besprengten Vorgärten mehr, die den Staub unterdrücken und die heile Welt vorgaukeln.
Die Anspannung will in den ersten Stunden einfach nicht aus dem Nacken verschwinden. Die Straßen sind eng, mit Tonnen von Müll gesäumt, ohne sanften Straßenabsatz und in den Straßengräben stehen Kreuze von verunglückten Menschen. Wer meint, dass an der alten Strecke nach Rügen (Mecklenburg-Vorpommern) viele Totenkreuze stehen, der irrt.
Mexiko wirkt auf den ersten Kilometern hinter der Grenze ungeschminkt. Es riecht in den Straßen durch die wir fahren nach Staub, Schweine, Hühner, Kühe und was man sonst noch an vierbeinigen Wesen essen kann. Hier gibt es nicht jede Woche einen reinigenden Regen wie bei uns, und Gerüche scheinen sich über Monate zu konservieren. Morgens werden wir durch einen krähenden Hahn geweckt. Abends schlafen wir bei den Lauten eines "quietschenden" Esels ein. Wir haben immer noch die ängstlichen Worte der Amerikaner im Hinterkopf und freuen uns um so mehr, wenn Mexikaner unsere Deutschlandflagge mit einem kräftigen Hupen oder Winken kommentieren. Nein, wir sind keine Gringos (so werden hier die Amis genannt) und wollen das auch zeigen: kramen brockenweise spanische Wörter aus unserem Gehirn, um das Englischsprechen zu vermeiden. Frustrierend für uns, wieder auf Kindergartenniveau einer Sprache anzufangen. Aber ohne den nötigen Leidensdruck bleibt auch bei uns das Vokabel- und Grammatikheft zugeschlagen.
Wir fahren in der Baja California an den häßlichen Grenzstädten vorbei. Wir sehen die körperlich schwer arbeitenden Menschen auf den Feldern. Sehen den Kontrast zu den großen Haciendas (die für den Export produzieren) und den Bauern, die für ihren eigenen Bedarf und für einen kleinen Straßenstand anbauen. Unsicherheit spielt auch immer noch eine gewisse Rolle in unserem Alltag und wir suchen die kleine Paradise, die es auch nahe der Grenze schon geben soll. Und wir finden eines davon. Folgen einfach einem abgenutzten Hinweisschild über eine Schotterpiste in Richtung Pazifik. Hier stehen wir direkt am Meer. Hören die Wellen rauschen, hopsen von der Camperstufe direkt in den "Vogelkäfigsand", sehen die Delphine springen, haben 3 Wachhundeauf dem Platz liegen und sind von 4 Nachbarn umgeben. Mit den deutschen Nachbarn trinken wir Kaffee und quatschen mal wieder in unserer Muttersprache, mit den mexikanischen Nachbarn gehen wir angeln und graben gemeinsam im Meersand faustgroße Muscheln aus. Zwischenzeitlich suchen unterwürfige Straßenhunde ein bisschen Aufmerksamkeit und schleichen uns um die Beine. Mexiko strahlt eine herzliche, aber schroffe Unverblümtheit aus. Und die Gegensätze wie Armut und Reichtum, Schönheit und Häßlichkeit, Weite und Enge erwecken in kürzester Zeit besonders starke Empfindungen und Eindrücke. Das neutrale und künstliche Gefühl, welches wir in den USA hatten, ist völlig verschwunden. "Willkommen im Leben", dass drückt die ersten Empfindungen in Mexiko wohl am Besten aus. Aber wir sind uns jetzt schon sicher, dass Mexiko ganz besondere Eindrücke bei uns hinterlassen wird. Viva la Mexico!

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