In Chichen Itza gehören wir zu den ersten
Besucher am Morgen, aber mit uns scheinen auch andere Reisebusse früh aufgestanden zu sein. Uns bleibt eigentlich nur eine viel zu kurze Zeit, in der wir die Atmosphäre der Anlage auf uns wirken lassen können. Wie beim Gucken eines guten Films, springen irgendwelche Leute durchs Bild, die nicht zum Film dazu gehören. Die Pyramide ist mittlerweile durch den Massenansturm völlig gesperrt worden. Und was die Atmosphäre wie im Eisschrank zusätzlich erstarren läßt, sind die Tausend Souvenirverkäufer auf dem Ausgrabungsgelände. Nicht dezent am Ausgang, sondern mitten drin, um die Pyramide herum, spalierförmig auf dem Weg zur Zenote und auf den kleinen Trampelwegen zwischen den Gebäuden. Einfach überall. Die heute hier lebenden Maya verkaufen mit hundert anderen Kumpels kitschigen Chinaschrott. Die obligatorischen T-Shirts hängen neben Holzmasken, die schnell noch mit Schuhcreme dunkel gefärbt werden. Der viel zu komplizierte Maya-Kalender in Scheibenform steht neben dem Gipskaktus inklusive des schlafenden Mexikaners. Aus allen Büschen des Geländes kriechen Verkäufer hervor und pinkeln in selbige. Sie schlafen neben ihren Ständen und sehen gelangweilt aus.
In Coba beobachten wir Menschen, die die Stufen der großen Mayapyramide bestiegen, um oben festzustellen, dass sie an Höhenangst leiden und Bewegungslegasteniker sind. Eine Pyramide hat leider noch keinen eingebauten Fahrstuhl nach unten. Warum die meisten Pyramiden mittlerweile ihre schwindelerregenden Stufen gesperrt haben, ist uns spätestens nach dem Besuch in Coba klar.
Das krasse Gegenteil zum Massentourismus in Chichen Itza gibt es an Orten im Dschungel, die schwer zu erreichen sind. Einige sind nur in Tagestouren und andere sind bereits nach 3 Stunden über Schotterpisten zu erreichen, wie in Caracol/Belize. Nach der Regenzeit ist die Schotterpiste wie ein altes Kaugummi ausgelutscht und die Bodenwellen erinnern an ein Waschbrett. In Caracol haben in der Blühtezeit bis zu 120.000 Menschen gelebt und ihre hocheffiziente Landwirtschaft und Infrastruktur aufgebaut. Heute sehen wir die ausgegrabenden Pyramiden, Tempel und Ballspielplätze inmitten des Dschungels an der Grenze zu Guatemala. Die Hauptgebäude sind restauriet, aber die unzähligen Steinhaufen lassen vieles mehr erahnen. Die Hauptakteure dieser großartigen Ausgrabungsstätte sind hier nicht die vielen Souvenirverkäufer (es gibt nur einen, der auch Getränke verkauft), sondern die Archäologen und Mitarbeiter, die in unglamorösen, einfachen Holzbaracken leben und ihre Steinhaufen wie ein Puzzle neu zusammen setzen, neu modellieren und enträtseln. Immer im Kampf gegen die Natur, die sich in den Tropen alles in kürzester Zeit wiederholen und verschlucken möchte.