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Kaktus
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

"In jeder anderen Stadt auf der Welt,"

versucht sich ein Laden in seinem Stadtteil von einem anderen zu unterscheiden. Wettbewerbsvorteil oder Diversifizierung nennt man das wohl. In dieser ist der Herdentrieb ausgebrochen und alle gleichen Läden scharren sich umeinander. Es gibt eine Straße nur mit Brautmode. Eine mit Schreibwaren. Eine mit Schmuck. Und für alles andere gibt es garantiert auch irgendwo in dieser großen Stadt eine Straße. Nicht nur, dass die Geschäfte fast das gleiche anbieten. Nein, sie verkaufen exakte das gleiche Sortiment. Hinter dieses Geschäftsmodel sind wir ehrlich gesagt, noch nicht ganz hintergestiegen und es bleibt wohl auch weiterhin ein Geheimnis. Aber schön zum Anschauen ist es. Denn spätestens beim Durchschreiten der Brautmodenstraße weiß der mexikanische Junggeselle, dass seine an der Hand gehende Freundin das Warten leid ist und endlich in die Riege der Prinzessinnen aufgenommen werden will. An der Auswahl an Sahnebaiser-Kleidern wird es in Mexiko City nicht mangeln. Ob die angeheiratete Familie zu gebrauchen ist, kann in Mexiko City schnell testen werden. Xochimilco heißt der Stadtteil und die mexikanische Institution für familiäre Ausgelassenheit. Der alte Charme der Bootsfahrten auf den übrig gebliebenen Kanälen lässt sich allerdings nur richtig mexikanisch erleben: mit viel Essen, reichlich Getränke, einer Mariachi-Band und einer lebhaften Familie oder Freunden. Hunderte von Booten werden stakenerweise um Zentimeterweise nach vorn geschoben, um dann mit Schwung gegen die dichten Nachbarboote zu stoßen. Kleine Einbäume mit Garküchen verbreiten einen leckern Geruch, verkaufen Blumen für die Liebsten, versorgen mit allen denkbaren Leckereien und zu allem spielen und singen die Mariachis.

Um ein Knick in der Optik zu haben, müssen wir in Mexiko City noch nicht einmal betrunken sein. Die Stadt, die von den Spaniern nach der Eroberung platt gemacht wurde, steht auf dem zugeschütteten Texcoco-See. Man kann fast von ausgleichender Gerechtigkeit sprechen oder von einer einholenden Geschichte, wenn sich die protzigen Gotteshäuser und Kolonialbauten absenken und wie der große Aztekenschatz geheimnisumwogen versinken will. Gerade verlaufende Straßenfluchten scheint es hier nicht mehr zu geben. Alle Plätze, Stufen und Gehwege scheinen wellenförmig zu verlaufen und geben uns ein leicht beschwipstes Gehgefühl.
Überhaupt erfasst uns schnell in dieser Megastadt das Gefühl eines "Tanz auf dem Vulkan". Nicht nur, dass die Aussicht auf den aktiven Popocatepl romantische, sondern bedrohlich Gefühle in uns weckt. Sondern dass die Masse von 20, 25 oder gar schon 30 Millionen Einwohnern tägliche unvorstellbare Ressourcen verschlingen. Und was reingeht, muss auch leider wieder raus. Bei der Vorstellung des Abwassersystems, der Kanalisation und der Müllberge sprießt uns bereits der Herpes. Und die Vorstellung, dass auf jeden Menschen zwei Ratten kommen, produziert einen weiteren Ausschlag. Aber der Dreck lässt sich auch nicht einfach wegspülen. Mexiko City liegt an keinem Fluss und 1/3 des benötigten Wassers muss auf das hoch liegende Plateau über weite Strecken gepumpt werden. Die Stadt wächst weiter und lässt Pappkartons und Bretterverschläge als Wohnung für viele das einzige Dach über dem Kopf sein. Ob sich die Tänzer auf dem Vulkan irgendwann heiße Füße holen werden, ist nicht mehr die Frage. Sondern nur noch wann sich diese Blase in Luft auflösen wird. Aber bis dahin ist und bleibt Mexiko City eine Haß-liebe. Für uns und für die meisten Mexikaner.

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