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"Eine Seefahrt- die ist lustig"

Unsere Fährfahrt von Skagway in Alaska nach Bellingham USA gehört laut einschlägiger Reiseführer (ihr wißt, wie wir zu denen stehen) zu den schönsten Seepassagen der Welt. Hoch gegriffen, wenn man dreistellige Dollarbeträge für die Verschiffung zahlt, aber schon 3 Monate vor Abreise weiß, dass man sein Nachtlager an Deck aufschlagen muss. Die Kabinen waren zu dem Zeitpunkt bereits ausgebucht und vor Ort entpuppte sich die Fähre als völlig überbucht. Aber wir waren ja bei den sicherheitsliebenden Amis gelandet und nicht auf einer maroden Griechenlandfähre.Und somit war die Wahrscheinlichkeit hoffentlich höher, dass die Schwimmwesten und Rettungsboote auch für alle ausreichen sollten. Unser Schlafgemach im Camper stand also unter Deck und durfte nicht von uns genutzt werden. Sicherheitsgründe, da waren sie wieder. Wir machten es uns also auf dem "Solarium-Deck" unter einem, für Menschen konstruiertes Gewächshaus aus Glas mit einem 180 Grad Panoramafenster gemütlich. Die Plastiksonnenstühle standen nicht mehr den Gästen zum kurzweiligen Sonnenbaden zur Verfügung, sondern ersetzten die ausgebuchten Kabinen. In der Nacht wurde dann das Geheimnis des Begriffs "Solarium" gelüftet. Die gesamte Ladung an Heißstrahlern wurde zielgerichtet auf die Schlafenden gerichtet und wir kamen uns wie kleine gelbe Küken unter einer Wärmelampe vor. Die Plastikstühle mit den darauf Schlafenden waren platzsparend wie die Sardinen in der Konservendose ausgerichtet. Ein Schlaflager auf einer Alpenhütte oder ein Massenschlafsaal in der Jugendherberge war im Vergleich dazu ein Luxusschlafplatz mit Einzelzimmeratmosphäre.
Nachdem wir uns mental auf diese neue Situation eingelassen hatten, durchleben wir alle Gefühlregungen in imprimierten Form:
Wir waren angewidert, wenn mal wieder ein vollgerotztes Taschentuch vom Seewind unter unser Nachlager geweht wurde. Rotes Blut und gelber Schleim auf einem weißen Taschentuch am Morgen war selbst für unsere abgehärteten Campingmagen zu viel.
Wir bekamen einen Schauer und eine Gänsehaut, wenn ein Wal wie im Bilderbuch sein Kommen mit einer meterhohen Fontäne auf der spiegelglatten Wasseroberfläche ankündigte. Seinen glatten glänzenden Körper uns entgegen streckte und zum Abschied seine Flosse zum Abtauchen zeigte. Seine Existenz und das vorherige Auftauchen verrieten dann nur noch die Ringe auf der Wasseroberfläche.
Wir beobachteten Mitcamper, die von Kopf bis Fuss in teuren Outdoorklamotten in Hightec-Schlafsäcken mit an Deck schliefen. Bei vielen wurde zwischenzeitlich das Notebook aufgeklappt oder die teure Spiegelreflexkamera geputzt. Das neue und trendige Markenmodell der Unterhaltung verieten die weißen Kopfhörer, die aus einem bunten Rucksack verliefen. Das Schlafen auf dem "Lidodeck im Massenlager" war nicht nur eine Frage des Geldes, sondern bei vielen auch eine Frage des Prinzips. Ältere Herren in BMW-Motorradausrüstung prosteten sich abends grinsend mit Pappbechern zu. Trotz des strikten Alkoholverbots an Deck verriet ihr Grinsen, dass sie mit ihrem besonderen Nachttrunk einfach besser auf ihrem harten Nachtlager schlafen würden.
Wir grinsten und staunten über die Zusammenrottung unterschiedlicher sozialer Schichten. Die "Familie Flotter" gab es selbstverständlich auch auf unserer Fähre. Eine blondgefärbte Mutter mit ihren 4 Jungs, die wie die Orgelpfeifen in die Höhe und in die Breite gingen, war unsere direkte Nachbarin. Wir hatten also das Glück 4 Nächte und 5 Tage unsere private Sozialstudie verfassen zu können. Die verfettete und solariumgeröstete Mutter, deren Alter nicht zu schätzen war, trug an sonnigen Tagen bauchfreie Tops, einen gepiercten Bauchnabel, eine lilafarbende Haarsträhne, einen Pullover mit der Aufschrift "Take of your pants, let's have a party" und lage den ganzen Tag auf ihrer mitgebrachten Prinzessinnen-Luftmatratze in XXXL-Format mit pinkfarbenden Kissen. Wie der Herr so das Geschirr, lagen ihre 4 Rotzlöffel den ganzen Morgen im Bett und schliefen. Der kleinste Junge musste tagsüber in einer Art Strampelanzug herumlaufen und sah wie ein übergroßer Teletubby aus. Die anderen bekamen ihr Fastfood bereits ans Bett serviert. Und dann ganzen Tag sahen wir die Kinder mit Colabecher und Schokoriegel über das Schiff springen. Kein Wunder, dass der Blutzuckerspiegel abends durch die Decke explodierte und die Jungs wie kleine Zombies hyperaktiv einen Zuckerflash bekamen. Alle anderen waren von der Seeluft und vom stundenlangen Lesen müde und verkrochen sich in ihre kuscheligen Schlafsäcke. Aber Mutter Flotter setzte ihr Balg ab Mitternach vor die DVD-Spiele und diskutierte lautstark ihr "kleine Leben".
Wir verloren unseren Appetit, wenn sich wieder mal eine dicke Frau in ihre hölzerne Sitzbank quetschte, den Bauch an den Tisch gedrückt und die dicken Hüften in die Polster. Eingerahmt waren diese Frauen meistens von kleinen Kindern, die vor ihren viel zu großen Burgern und den viel zu fettigen Pommes saßen. Der dünne Mann daneben spielte nur eine Nebenrolle und verschwand im Schatten seiner übermächtigen Frau. Es gab allerdings auch andere Familien, die sich vorher über diese lange Fährfahrt ihre Gedanken gemacht hatten. Sie aßen mitgebrachtes Müsli mit frischen Früchten, leckere selbstgemachte Frikadellen oder knabberten an ihrer Rohkost. Geld schien hier eine untergeordnete Rolle zu spielen, vielmehr überwog hier das Gefühl für einen gesunden Körper, ihr Wohlgefühl und unserer Meinung nach der gesunde Menschenverstand.
Wir lernten die Jugendherbege nach der ersten schlecht geschlafenen Nacht schätzen. Denn die Nähe im Schlaflager ließ auch eine Nähe in der Kommunikation zu. Jeder quatschte mit jedem. Reisetipps, politische Meinungen, eben alle Themen das Lebens wurden unter freiem Himmel ausgetauscht. Eine Seefahrt ist eben doch immer was besonderes!

 
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