"Einer kleiner Ort in Alaska, der Wunsch nach dem großen Fund und die Kommune 68"
Wie stellen wir uns Europäer einen Ort in Alaska vor, der nur 3 Monate eine offene Verbindungsstraße zur Außenwelt hat, 12 offizielle Einwohner aufweist und auch sonst nur seinen lustigen Orsnamen CHICKEN zu bieten hat? Genau, sehr extrem. Hier rotten sich Menschen zusammen, die die kurzen Sommermonate bis zum Anschlag auskosten. Das Leben ist kurz und den Schlaf der Gerechten können sie auch im Winter nachholen.
Wir verbringen einen unbeschwerten Abend, eine lange und viel zu helle Nacht in der einzigen Kneipe in diesem gottverlassenen Ort und spüren dort das unkomplizierte Leben. Wem zum Lachen zu mute ist, der lacht. Wer schweigen möchte, kann dies den ganzen Abend mit dem Bier in der Hand am Tresen machen. Und wer neue Leute kennenlernen möchte, der quatscht einfach drauflos. Wir lernen also unsere amerikanischen Goldjungs kennen. Einer kannte jemanden, der wiederum den anderen kannte und so fanden sich schließlich 6 Amerikaner zusammen, die einem 80 Jährigen Goldgräber in Chicken den Goldclaim abkauften. Sie zogen mit ihren Maschinen, Wohntrailern und einigen Familienmitgliedern für die Sommermonate nach Alaska auf der Suche nach Gold. Einer von ihnen hat bereits einen schweren Herzinfakt hinter sich und vor einige Wochen einen Herzschrittmacher eingepflanzt bekommen. Der scheint zu schnell zu schlagen, denn John hat das Leuchten in den Augen, den Schalk im Nacken und genießt die Bloody Mary nach unserer viel zu langen Nacht in der Kneipe. Nicht nur, dass er alle Ermarnungen der Ärzte in den frischen Alaskawind schießt, er kippt sich auch noch tonnenweise Salz auf seine Bierdose. Fragen wir ihn, ob es sich lohnt nach Gold zu suchen, dann kommt nur ein verschmitzte Lächeln und ein leises YES. Und dann laden uns die Amerikaner für den nächsten Tag auf ihren Goldclaim ein. Treffpunkt 12 Uhr in der Kneipe. Das Aufstehen fällt uns schwer. Aber die deutsche Pünktlichkeit und der Wunsch nach dem ersten selbstgefundenen Gold lässt uns aus den Betten springen. Tatsächlich sitzen unsere Goldjungs in der Kneipe, haben ihr Versprechen nicht vergessen, sehen wie wir noch müde aus und tragen schon wieder oder besser immer noch ihre staubigen Hemden vom gestrigen Abend. Wir tragen auch die gleiche Kleidung, weil die Dusche bei unserem Campingplatz noch in Plangung ist (der Permafrostboden macht die Arbeit nicht leichter) und überhaupt haben wir nicht das Gefühl, dass hier irgend jemand auf unsere Reinlichkeit achtet.
Wir folgen ihnen auf ihre über 8 ha großen Goldgräberlatifundien und sind sprachlos über die Menge an schweren Maschinen. Das hätten wir uns allerdings denken können, denn die Jungs sehen so aus, als wenn sie keine halben Sachen anfangen würden. Aus dem Trailer kommen uns freudig strahlende Ehefrauen mit ihren kleinen Hundebabies entgegen. Sie willkommen uns herzlich und fangen schon mit dem Erzählen an. Denn davon gibt es ja eine Menge. Als erstes zeigen sie uns jedoch ihre finnische Sauna am Fluss, die herrlich kusselig aussieht. Die Steine liegen auf einem alten Holzofen und an der Decke hängt eine große Konservendose, in dessen Boden kleine Löcher eine wundervolle Dusche versprechen. Ob wir nicht gleich einen Saunagang mit anschließendem Bad im eiskalten Fluss einlegen wollen, werden wir wie selbstverständlich gefragt. Überhaupt sind alle total entspannt, genießen ihr gemeinsames Leben in den Trailern und schmunzeln sich bei jedem zweiten Satz zu. Gibt es sie vielleicht doch noch, die gut funktionierende Kommune 68, wo Peace und lange Haare regieren? Die Haare sind zwar schon längst kurz geschnitten, aber die Menschen hier verfolgen einen gemeinsamen Traum, der sie beflügelt und genießen den kurzen Sommer zusammen.
Die kleine Sightseeing-Tour führt uns weiter vorbei an selbstgebauten Treibhäusern mit Gemüse für ihre Sommermonate und an mächtigen Rüttelmaschinen, die große Steine vom Sand separieren. Davor stehen gewaltige Bagger, die erst die krüppeligen Tannen und dann den Tundraboden vom Permafrostboden schieben. Dadrunter wird der frostige Boden frei gelegt, ausgegraben, mit viel Wasser ausgeschwämmt und in andere Bassins gepumpt. Überhaupt funktioniert hier alles nur mit viel Wasser, großen Maschinen und kräftigen Männerhänden. Und dann hält John schließlich eine Goldwaschpfanne in der Hand. Nicht so eine nostalgisch aussehende, wie wir sie bei "Canadian Tire" für Touristen gekauft haben, sondern eine banale aus Plastik. Er schüttet den schwarzen Sand in die Pfanne und läßt den Sand unter Wasser über die Pfannenkante davon schwimmen. Ganz geschickt und mit viel Ruhe läßt er so die Menge an Sand dahin schwinden. Gold hat eine höheres spezifisches Gewicht und bleibt nach dem guten alten physikalischen Gesetz auf dem Boden liegen. Und dann schließlich glitzert es. Kleine Goldflakes schimmern in der Mittagssonne und sehen einfach wie Gold aus. Das Gold gehört selbstverständlich nicht uns, aber als Trost bekommen wir "Fool's Gold" geschenkt. Die Pyridbrocken sehen wie kleine zusammen geschmolzene Quader aus Gold aus. Glänzen ähnlich, sind allerdings völlig wertlos. Für uns sind sie nicht wertlos, sondern haben einen großen Erinnerungswert an unsere raubeinigen und herzlichen Goldjungs aus CHICKEN / Alaska. Dem Ort in Alaska, der typischer nicht sein kann und der einfach "das grenzenlose Alaska" ist.