"Der Mythos einer Stadt und der tiefe Schlaf im Winter"
Stimmengewirr, Plastiktütengeraschel, wildes Durcheinanderlaufen, unkontrolliertes Essen, lächelnde Schmuckverkäufer, uniforme Menschen und lautes Gepubse auf den Toiletten. Wenn das alles zusammen trifft, dann bist du in Skagway/Alaska gelandet. Skagway ist ein 800 Seelen Ort am Ende einer langen Sackgassenstraße, aber mit einem Hafen für Kreuzfahrtschiffe. Mittwochs ist hier jede Woche im Sommer die Hölle los, bzw. die Hölle auf Erden. Dann wächst die Stadt für kurze Zeit auf 10.000 Personen pro Tag an. Lässt die arbeitenden Einheimischen und Saisonarbeiter erschöpft zurück und erlaubt den Menschen nur kurz durchzuatmen. Dafür ist der Winter um so ruhiger. Und die Gäste lassen schließlich Geld in der Stadt. Und davon reichlich. Jeder scheint hier eine Beschäftigung für seinen Grad an Bewegungsdrang zu finden. Geführte Radfahrten in Neongelber Schutzkleidung, Oldtimerbus- und Kutschtouren mit kostümierten Fahrern, Zugreisen über den berühmten White-Paß, zu-Fuß-Wanderungen und natürlich Powershopping durch die Läden der Stadt. Bei den meisten beschränkt sich alles auf das obligatorische "Rein- und Rausfallen". Viele sind so kugelrund gegessen, dass die Art des Kreuzfahrtschifffahren wohl die einzige mögliche Art des Reisen ist. Kaum Trombosegefahr, keine engen Bussitze, wo die Meisten stecken bleiben würden und immer was zu essen. Und so wackeln sie wie aufgezogene Duracellhasen durch die Straßen. Kein Gelenk bewegt sich mehr nach vorne oder nach hintern, sondern nur noch seitlich. Und der Weg führt sie entweder direkt ins Restaurant, ins Cafe, um die obligatorischen Pappbecher zu erwerben, oder in die vielen bunten Souvenirshops mit der unsäglichen Ware aus Fernost. Hier gibt es für die geliebten Enkelkinder daheim "Glow in the Dark-Shirts". Bei den leider nicht nur das Motiv auf dem Shirt leuchtet, sondern gleich das Kind- eingehüllt in die Chemiekeule aus China- mit.
Zum Glück können sich alle nach dieser Powershoppingtour in den "autentischen Restaurants" stärken. Im Red Onion-Saloon werfen halbnackte, kostümierte Frauen ihre schlanken Beine in die Luft. Das meistgekaufte Souvenir ist hier das verruchte schwarz-rote Strumpfband. Die tanzenden Damen verbrennen Kalorien, die meisten stocken ihren auf. Und so gibt es nicht nur auf dem Schiff genügend zu essen, sondern in "der freien Zeit" auch. Ein Phänomen auf allen Toiletten ist, dass diese ständig besetzt sind und lautes Gepubse aus den Räumen hallt. Was in Massen oben rein kommt, muss auch unter wieder raus.
In diesem "Wild West der Reedereien" finden sich alle Klischees bestätigt. So sehen wir eine junge Frau mit aufgespritzten Lippen und den letzten kleinen verschorften Naben im Gesicht ihren doppelt so alten Mann im Rollstuhl durch die Straßen schieben. In Make-up-getauchte Frauen sitzen gelangweilt neben ihren unattraktiven aber wohlhabenen Männern vor der öffentlichen Wäscherei und warten darauf, schnell und ungesehen ihre frisch gewaschene Wäsche zu verstauen. Auf den Kreuzfahrtschiffen muss die Reinigung der Socken und Unterhosen pro Stück bezahlt werden. Es wollen zwar Alle einen auf dicke Hose machen, aber das gesparte Geld kann auch sinnvoller in neidmachende Geschenke für die Zuhausgebliebenen investiert werden. Wir sagen nur "Glow in the dark".
Zum Glück befinden sich die Meisten ja im sicheren Inland. Sie können die gleichen Schwappelweißbrote wie Zuhause essen, sprechen die gleiche Sprache, bezahlen mit ihrer immer schlechter werdenen Währung und telefonieren billig im US-amerikanischen Telefonnetz. Und so fällt bei den meisten gelangweilten Menschen auch jeder zweite Blick auf das Handy. Es könnte sich ja jemand melden, dem man erzahlen kann, dass man sich im Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff befindet.
Die andere Masse an Menschen in Skagway bilden die Mitarbeiter der Schiffe. Draußen vor dem einzigen Telefonladen sind 20 Telefonanschlüsse provisorisch in die Wand geschraubt. Für 1 Dollar pro Telefonhörer und einer vorbezahlen Telefonkarte können Inder, Ukrainer, Afrikaner, Philippinos mit ihren Lieben zu Hause telefonieren. Im Laden gibt es dazu noch die heimischen Lebensmittel, die das Heimweh ein wenig besser verschmerzen lassen.
Im einzigen Supermarkt der Stadt sind an solchen Tagen viele Menschen mit gebrochenem Englischakzent dabei, die leeren Regale neu zu füllen. An der Kasse legen Mitarbeiter der Kreuzfahrtschiffe ihre Ersparnisse in braunen Papiertüten der Kassiererin hin. Das Trinkgeld in Münzen ist schließlich auch Geld, die Kassiererin lächelt wissend und zählt geduldig das Kleingeld ab.
Nach dem Auslaufen der "häßlichen Hochhäuser auf dem Wasser" verschnaufen die Einheimischen und die Saisonarbeiter, treffen sich auf ein Bier in dem verwaisten Red Onion-Saloon und genießen die leeren Straßen von Skagway, wo sie keine Gefahr mehr laufen, kopflos herumirrende Touristen anzufahren.
In Skagway werden eben alle Klischees erfüllt und so entpuppt sich selbst ein Harrison Ford als spießiger Kreuzfahrer. Mit seiner vorzeigbaren Zuckerpuppenfreundin macht er auf einem Kreuzfahrtschiff Urlaub, wo ihn auch ganz sicher jeder erkennt. Bloß nicht das Gefühl der Berühmtheit abreißen lassen. Unser vermeintlich cooler Indianer Jones wandert eben nicht in seiner Freizeit den schlammigen Chilkoot Trail entlang und zeltet in der Abgeschiedenheit. Hier ist eben alles "mehr schein als sein". Genauso wie die nach aussen richtig viel "daher machenden", "falschen Fassaden" nicht nur der der Häuser. Welcome to Amerika!