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"Der Chilkoot-Trail von 1897 mit GPS und zwei Omis im Gepäck"

Vor dem Goldrausch war der Chilkoot-Trail der Handelsweg zwischen den Küsten- und Inlandindianern gewesen. Die Tlingit-Indianer kontrollierten den Paß und ließen sich auf den Deal ein, als "Packesel" für die Goldsucher zu arbeiten, als sie regelrecht überrannt worden sind und keine andere Alternative sahen. Tausende machten sich also unwissend von Dyea über den Chilkoot-Paß nach Dawson City auf. Andere von Skagway über den White-Paß oder über den Chilkat-Paß, oder, oder, oder. Das Ziel war bei allen gleich, aber das zur verfügungstehende Budget unterschiedlich. Wie im heutigen Leben bestimmte die dicke der Geldbörse die Reiseroute und die Chance des Überlebens. Ein markantes Bild der großen Wanderung kennt jeder: wie die Menschen als winzige Ameisen im Schnee und an einem Seil den steilen Chilkoot-Paß hochsteigen. Jeder wurde am Berggipfel kontrolliert, musste Zoll bezahlen und seine Tonne Ausrüstung und Lebensmittel nachweisen. Ansonsten war hier bereits die Reise vorbei.
Wir waren also 53,1 km auf den Spuren dieser leidenen Menschen unterwegs. Gekleidet in Hightec-Fasern, mit einem ultraleichten Zelt, guten Wanderschuhen und nur "aus Spaß". Wir waren ausgeschlafen, gut ausgestattet und gesund in diese Wanderung gestartet. Vor hundert Jahren kamen die Menschen bereits ausgemergelt, seekrank und erschöpft in Dyea an. Ihre Ausrüstung wurde von Board auf den nassen Strand geworfen. Wer nicht schnell genug war, sah sein Hab und Gut bereits in der Flut davon schwimmen. Andere guälten ihre Packtiere (alles was vier Beine hatte) durch unüberwindbares Gelände und ließen sie dann einfach verrecken. Der White-Paß wurde grausamerweise auch der "Deadhorse-Trail" genannt.
Wir liefen also motiviert, wenn auch ein wenig von der Rangerin (nach der Einweisung) eingeschüchert, auf unsere 6-tägige Wanderung los. Auch mit dem Hinweis der Rangerin, dass wir nach den Markierungen wandern sollten und nicht nach einem GPS. Eine andere Gruppe hatte am Tag zuvor einen 6 Stunden Umweg gemacht, weil das GPS natürlich den Weg viel besser kannte (liebe Grüße an Herrn Blum).
Schnell war uns klar, dass nicht die Distanzen oder das Gelände das Problem der Wanderer war, sondern das ungewohnt schwere Gepäck. Einen 20 kg schweren Rucksack auf allen Vieren kriechend über Felsen mit einer 45 Grad Steigung zu balancieren war ungewohnt, aber gut zu schaffen. Schneefelder, Matsch, Geröll und unwegsames Gelände waren wir zum Glück aus den Alpen gewohnt. Und hier liegt wahrscheinlich der große Unterschied zwischen Europäern und Amerikanern. Wir sprechen von einer Wanderung, wenn es tatsächlich auch eine ist. Hier freuen sich die Leute bereits, wenn sie einen 4 km langen Schotterweg gehen und nennen dies fatalerweise auch Wanderung und nicht Spaziergang (Hike vs. Walk).
Wir genossen also die Natur, die sich jeden Tag veränderte. Schliefen in unseren Schlafsäcken tief und fest eingemummelt. Nur eine kleine Maus, die nachts am Innenzelt hoch lief, versetzte uns einen kleinen Adrenalinstoß (nein, kein Bär). Hielten uns an die Regeln, alle Lebensmittel und riechenden Dinge (Mückenschutz, Zahnpasta) bärensicher hoch zu hängen. Gingen singend, pfeifend und Glöckchen klingelnd durch die Landschaft und warnten die Bären auf unser Kommen vor. Waren von der Schönheit der Tundra und der besonders buntwachsenden Blumen, Moose und Flechten begeistert und konnten das wilde Wuchern des Mooses im Wald kaum glauben. Es sah eben alles besonders und besonders schön aus. Und weil wir keinen Zeitdruck im Nacken hatten, war "das Schaffen" des Trails für uns unwichtig. Wir hatten über den Trail viel gelesen und wollten ihn erleben und uns vorstellen, wie es vor 100 Jahren gewesen sein muss. Den Schnellsprintern auf diesem Weg konnten wir nur nachlächeln. Hört sich zwar abgedroschen an, aber für uns war "der Weg das Ziel". Und als wir am Ziel ankamen, waren wir tatsächlich ein wenig melancholisch. "Schade, schon zu Ende".
Wir hatten den Trail bewusst mit wenig Lebensmittel geplant. Unser karger Speiseplan sah kreativerweise vor: Müsliriegel für unterwegs, Brühe mit Nudeln am Abend und Müsli am Morgen. Jeder saß also abends im "Unterstand" vor seinem Kocher und verspeiste seine schwer geschleppten Lebensmittel. Normalerweise sind wir immer die Ersten, die für andere kochen oder teilen. Hier klammerten wir uns an die wenigen Kalorien und verspürten teilweise sogar "Futterneid". Teilen kann tatsächlich nur jemand, der sich in der komfortablen Situation befindet und etwas hat. Um so mehr freuten wir uns über frisch gebackenes Brot von unseren bayerischen Mitstreitern. Sie versprühten "deutsche Gemütlichkeit" indem sie im Holzofen Brot backten und natürlich mit uns die Wärme des Ofens teilten. Wir haben auch viel über die beiden älteren Frauen gesprochen, die bereits am ersten Tag völlig abgekämpft und sehr spät ins Camp kamen. Die eine war 68 Jahre und ihre Freundin knapp 60 Jahre alt. Das Erste was die beiden Ladies taten, war das Verschenken ihrer üppig geplanten Mahlzeiten. Eine Tonne Lebensmittel war es nicht, aber nur knapp dadrunter. Und jeder freute sich, wenn die freundlichen Ladies es wieder eine Etappe weiter schafften. An dem steilen Stück über den Pass haben wir sie dann leider aus den Augen verloren. Später hörten wir, dass ein Ranger ihnen die Rucksäcke hoch getragen hat, damit sie überhaupt den Weg hoch geschaffen haben. Im nachhinein fragen wir uns, warum haben wir ihnen nicht geholften. Wir hätten jeder 5 Kilo abnehmen können und haben es doch nicht getan, weil jeder selbst Angst hatte, es nicht "gut oder leichte" an diesem Tag zu schaffen. Die Ansage von den Rangern war einschüchternd, dass jeder um 6 Uhr spätestens aufbrechen sollte. Im Rückblick ist man leider immer schlauer. Um so mehr haben wir uns gefreut, als wir sie in Skagway wieder gesehen haben. Ingo wurde überglücklich abgeknutscht und der Stolz der Ladies war übergroß. Sie hatten den Chilkoot Trail geschafft und wir haben zwei Menschen kennengelernt, die sich lächelnd durchgebissen haben. Totgesagte leben eben doch länger.

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