"Isolation und Karantäne für uns- die ungeliebten Wandersleute"
Nach 53,1 km Wanderung empfängt uns die 4-Häuseransammlung in Bennett mit Regen und verschlossenen Türen. Die einzige Verpflegungsstelle (ein umgebauter Bahnhof) ist zu. Das einzig verbliebende Privathaus wird von einer alten Frau bewohnt und von ihrem lieb guckenden Hund schläfrig bewacht. Der Campground liegt allerdings wunderschön am Bennett Lake, hat ein einsames Plumbsklo, leider keinen Unterstand und seit zwei Wochen keine einzige Seele mehr übernachtet gesehen. Der erste verregnet Eindruck ist ernüchternd und wir sehnen uns nach einem kalten Bier. In den Alpen wäre genau hier eine Kneipe oder eine Alpenhütte gewesen. Der einsame Koch im verschlossenen Bahnhof hat Mitleid mit uns und bringt uns zwar kein Bier, aber einen eiskalten Cranberrysaft, den wir in Sekunden inhalieren. Und dann kommt unerwartet eine grauhaarige Frau mit einer Riesenplane auf uns zu. Unser letztes lauwarmes Essen in der Natur ist gerettet und wir haben doch noch unseren Unterstand. Sie gehört zu der letzten Nativfamilie des Ortes und strahlt uns mit ihren leuchtenen Augen an. "Wunderbares Wetter", sagt sie in ihrer Regenjacke und tatsächlich, die Sonne scheint schüchern durch die Wolken und die einsame Stimmung am See ist ein tolles Ende unserer Wanderung.
Am nächsten Morgen ist die Einsamkeit dahin. Die restaurierten White-Paß-Züge, die nach zu viel Holzpolitur riechen, rollen mit ihren Kreuzfahrtschifftouristen aus Skagway an. Die meisten fallen leider auch nur hier aus dem Zug, schaufeln gelangweilt und schweigend ihr Essen in der alten Bahnhofshalle in sich rein und steigen wieder ein. Die Artefakte aus der Goldrauschzeit (alte Glassplitter, verrostete Konservendosen), die präzise in dem Ort verteilt wurden, sind zwar nicht umwerfend und würden in Deutschland glatt zu einer Anzeige wegen Umweltverschmutzung führen, aber ansehen kostet ja nichts. Aber was nichts kostet ist auch nichts und so wird eilig ein letztes Foto von den schmutzigen Wanderern gemacht und zurück geht es.
Wir Wanderer werden im alten Bahnhof durch eine Seitentür "willkommen geheißen" bzw. in die richtigen Räumlichkeiten gelotst. Meint ehrlicherweise: ihr Stinker könnt hier was Teures zu essen bekommen, aber sitzen müßt ihr in einem Extraraum. Die Preise und das Angebot bringen uns selbst nach einer Woche Wanderung und Schmachter auf was richtiges zu essen, schnell wieder in die Wirklichkeit zurück. Außerdem fühlen wir uns nicht willkommen und freuen uns auf ein Abendessen mit einem eiskalten Bier in Skagway.
Zu der Hygiene einiger Menschen müssen wir wohl nicht viel sagen. Nach mehreren Tagen ohne Dusche stinken Einige bis zum Himmel. Das unterwegs keine Dusche vom Himmel fällt, sollte jeder wohl vorher erahnen. Aber auch der gute alte Waschlappen, feuchte Tücher oder eine Wäsche im See sind Möglichkeiten, seine Mitwanderer nicht mit tränenden Augen hinter sich zu lassen. Trotz Nebel und Schneeverwehungen hätten wir manchmal den Weg auch blind gefunden. Fährte aufnehmen und immer dem beißenden Duft hinterher. Trotzdem bestätigt sich der vermeintliche Witz, dass die Wanderer in dem Touristenzug ein "Karantäne-Abteil" bekommen. Unsere Rucksäcke werden auf einen offenen Anhänger gelegt (wahrscheinlich zum Auslüften und Abregnen) und wir kommen für den Spotpreis von 90 Dollar (ca. 60 Euro pro Person) für eine 2,5 Stunden Zugfahrt in Karantäne. Das ist also der ehrliche "Geist des Chilkoot-Trails".
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